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Mittwoch, 30. Juni 2021

Neue Wege

 "... wir haben die Polizei informiert." Die Nachricht der Wohngruppe brennt wie Feuer. Was für die eher Alltag ist, ist für uns ungewohnt und schwer auszuhalten. Kind nicht in der Wohngruppe, Handy ausgeschaltet. Bange Stunden später ist das Handy wieder an, Kind in der Klinik. Wir vereinbaren einen Besuch am nächsten Tag. 

Auf dem Weg dorthin klingelt der Chefarzt durch. Er müsse mit uns reden, aber wenn wir eh kommen, dann reicht das auch vor Ort. So werden wir entsprechend abgefangen. Eine Stunde später sitzen wir bei unserer Tochter am Bett, mit mehr Fragezeichen, aber auch mit neuer Hoffnung. Endlich mal jemand, der nach organischen Ursachen fragt und die Suche danach anstößt. Das ist aber nicht in seiner Klinik machbar, sondern knapp 50km weiter in der Klinik, die er gut kennt. Das obligatorische Kartenspiel und ein Versprechen später folgen und wir fahren guter Dinge heim. Gehört werden, Hoffnung bekommen - wie schön ist das.

Mitten in der Nacht klingelt das Telefon wieder. Die Klinik ruft um Hilfe, das Kind verweigert die notwendige Insulintherapie. Die Straßen sind schön frei, aber auch ich habe keine Chance und habe ein déjà vu. Die vorzeitige Verlegung und der Krankentransport in die neue Klinik werden organisiert. Ein Tag früher als geplant und unter anderen Voraussetzungen. 

Nachmittag in der neuen Klinik. Ich erzähle die Krankengeschichte ein erstes Mal, fülle die Papiere aus, verabschiede mich. Die Psychologin bittet mich, doch noch 2-3 Stunden in der Nähe zu bleiben, falls noch Fragen sind. Zeit für Soulfood...




Eine Stunde später ruft sie wieder an, Insulin wird nach wie vor verweigert, ich werde gebraucht. Lerne Oberärzte kennen, Namen schwirren durch den Kopf. Lerne eine neue Richterin kennen, veranlasse, was niemand für Menschen die er liebt veranlassen möchte. Werde als Sitzwache eingespannt. Was macht man nicht alles als Mutter. Weitere Ärzte, weitere Namen, weiteres Papier. Wieder die Krankengeschichte erzählen.... 

Zwei Nächte schlafe ich in der Klinik, bis sich die Lage soweit stabilisiert, dass eine Verlegung in die Kinder- und Jugendpsychatrie wieder möglich ist. Ein weiteres Aufnahmegespräch, der Horror pur. Verweigerungshaltung bei der Tochter, klare Statement "wir sind nicht die zuständige KJP, wenn das hier nicht klappt, wird sie verlegt" von der anderen Seite, der Wunsch nach der körperlichen Abklärung die in dem Haus relativ unkompliziert machbar ist bei mir. Tränen fliessen, nicht nur im Gespräch, sondern auch, als ich gehe, ohne mich verabschieden zu können, gehe. Sie möchte keinen Abschiedsgruss. "Fahren sie jetzt noch heim?" fragt mich der Betreuer. Mein "ja, aber nicht gleich", beruhigt ihn ein wenig. 



Freitag, 18. Juni 2021

Der nächste Einschlag

 Ein wenig sieht es in mir vermutlich wie auf dem Mond aus. Immer wieder Einschläge die ich mal besser, mal schlechter, mal erst nach einigen Jahren weg stecke.

Jetzt wieder so einer. "Ihre Tochter sollte seit 22 Uhr zu Hause sein, wir haben die Polizei informiert, das müssen wir." Ok, nicht das erste Mal, dass es so eine Nachricht gibt und das Kind mit ausgeschaltetem Handy unterwegs ist. Aber das erste Mal in der Wohngruppe. Die SMS-Funktion aktiviert. Nach 1,5 Stunden das erste kurze "Handy ist erreichbar". Aber so schnell es an war, war es auch wieder aus. Nur, das definitive Signal, dass es ihr soweit gut geht. Chatkontakt zur Wohngruppe. Warten auf den Zug, der mit wenig Umsteigen zu uns fährt. 

Dann der Entschluss doch zu schlafen. Unruhig. Bis heute morgen wieder eine SMS kommt, diesmal ist das Handy an. "Wo bist du?" "Im Krankenhaus"... Sie lebt, sie kann telefonieren, so schlimm wird es nicht sein. Mehr will sie auch am Telefon nicht sagen - meinetwegen. Morgen halt beim Besuch.

Jetzt warte ich auf den Rückruf vom Arzt, der mir dann hoffentlich etwas weiter hilft ...
 

Mittwoch, 9. Juni 2021

Fragezeichen

 Zugegeben gibt es dieser Tage mehr Fragen als Antworten. Ein Gespräch, dass heute statt finden sollte, findet morgen statt. Dafür kam gerade die Nachricht von der Entlassung meiner Tochter - die Bauchweh deswegen hatte. Kann man ja mal machen, so kurz nach einer heftigen psychatrischen Krise, verstehen muss ich es als Elternteil nicht. 

Ich habe Angst. Angst, dass es beim nächsten,  vielleicht auch erst beim übernächsten Mal zu spät ist.

Sonntag, 6. Juni 2021

Dankbarkeit



"Wissen Sie, welchen Test sie machen wollen?" "Ja, bitte professionelle Nasenreinigung." Den Lacher hatte ich auf meiner Seite. Mein Humor bleibt. Manchmal schwarz, manchmal hängt er am Galgen, aber er ist nicht weg. Wir stehen an, für den notwendigen Test um die Intensivstation zu betreten. Ich philosophiere, dass "Nasopharyngealabstrich" sicherlich jeden beim Galgenmännchen zum Wahnsinn treibt. 
Die Dankeschön-Tüten hätte ich fast zweimal vergessen. Einmal holt mein Mann sie, das andere Mal muss ich nochmal zurück zum Auto laufen. Überraschung, Freude. Und ein gut gelauntes Kind. Nach wie vor angeschlagen, aber um einiges fitter als am Freitag. Wir spielen Skip Bo zusammen, philosophieren mit der Sitzwache und der zuständigen Schwester über die Spiele, die so in einer Klinik gespielt werden und haben, wenn man die Umstände ausblendet, einen gar nicht so schlechten Nachmittag. Da wäre dann noch die Neugierde. Mein Mann begreift mit Zahlen die Welt ein Stückchen besser und ... wenn ich ehrlich bin, ich bereue es, dass ich nochmal nachgefragt habe, weil mein Mann die Zahl wissen wollte. Uff. Der Körper hat eine Höchstleistung vollbracht, dass er das so schnell überstanden hat. Dankbarkeit. Für die Schutzengel, die Schlimmeres verhindert haben. Für gute Gespräche auf der Autofahrt. Für das umsorgen des Kindes. Für die warmen Worte aus der Wohngruppe. Für die Sonnenstrahlen auf dem Rückweg.


 

Samstag, 5. Juni 2021

Parallelwelt


 Die Aussicht ist traumhaft schön. "Dort hinten, das gelbe Rapsfeld," so erklärt mir mein Gegenüber, das ist bereits die andere Seite der Ruhr. "Und das sind die Ausläufer von dem..." ok, ich habe den Namen des Gebirges vergessen.  Das viele Grün beruhigt meine aufgewühlten Nerven. Ursprünglich wollte ich schon längst wieder auf dem Heimweg sein. Statt dessen bin ich in der Klinik, wenige Kilometer weg von der Wohngruppe, vielzuweitweg von meinem Wohnort. Mein Gegenüber ist Seelsorger. Erst habe ich ihn für einen evangelischen gehalten - er möge es mir verzeihen, denn er ist von der ansässigen römisch katholischen Gemeinde und ehrlich betroffen von den Entscheidungen, die ich heute treffen musste. 

Die erste war die, mit auf die Intensivstation zu gehen. Die geschlossene Abteilung in der Psychatrie war mein Ziel - mal wieder, das erste Mal in der neuen Klinik, nicht das erste Mal für meine Tochter. Selbstverletzendes Verhalten, sagt sie. Selbstmordversuch sagen wir anderen. Nicht der einzige, denn dank der Klinik kommt raus, dass sie ihre Diabetes gegen sich verwendet hat. Handel tut not. Mit auf die Intensivstation kommt sie freiwillig. Die lebensnotwendige Behandlung müssen wir erzwingen, denn die verweigert sie. Das unter Corona es möglich ist, dass ich in die Klinik rein komme und sogar mit aufgenommen werde, macht mich dankbar. Dass ein Pfarrer, der mich nicht kennt, direkt auf meinen Hilferuf kommen kann, auch. Das Gespräch über meine Situation tut gut und ich bin froh, dass ich in Extremsituationen mir zu helfen weiß und der Situation nicht mehr ganz so hilflos ausgeliefert bin. Dennoch laufen viele Tränen. 

Später am Abend werde ich die Richterin und einen Anwalt kennen lernen, die die getroffene Entscheidung beschließen werden. Verständnisvoll, sympathisch. Und doch ist es hart. Aber, ... die Geräusche der Intensivstation triggern nicht mehr. Meine Tochter so zu sehen auch nicht. Viel härter war es, sie nicht weit weg vom Koma zu sehen und zu hören, dass sie sterben will. Niemals sollten Eltern mit ihren Kindern darüber reden, wie sie beerdigt werden wollen. Und doch habe ich es getan. "Falls du dann doch mal Erfolg hast"....

Es tut auch gut, dass ich nicht alleine bin und somit einige der Mitarbeiter der psychatrischen Station kennen lernen darf. Die Nacht ist mega-anstrengend, die Stunden des nächsten Tages nicht weniger. Den ambulanten Therapeuten lerne ich so auch kennen. Wir sind uns einig, dass es ein "teuer erkauftes" Kennenlernen ist und hätten es beide lieber bei einem geplanten Elterngespräch gehabt. Aber gut, es ist, wie es ist. Die Diabetes-Assistentin macht mich wütend. Sie erklärt mir, dass ich Verantwortung für das Diabetesmangement übernehmen soll, "es ist sonst kein anderer da", denn sie hat ab dem Folgetag Urlaub. Äh, nein. Rückendeckung von den Mitarbeitern der Psychatrie, Irritation bei ihr und dem Arzt. Ich bleibe standhaft und fahre auch tatsächlich am Abend schweren Herzens wieder nach Hause.  Selbstschutz, Wunsch nach einer Dusche, Zeit zum Lernen, Hund kuscheln, Familie knuddeln ... achtsam, vorsichtig, der Müdigkeit bewusst. Dazwischen noch viele Telefonate und dann aber auch diese Dankbarkeit für mein bisheriges Leben, die mich diese erlebte Parallelwelt aushalten lässt. 

Morgen ist ein neuer Tag und morgen fahren wir nochmal in die Klinik. Die Telefonate heute zeigen, dass sich Körper und Seele ganz, ganz langsam erholen. Wird ein weiter Weg ....