"... wir haben die Polizei informiert." Die Nachricht der Wohngruppe brennt wie Feuer. Was für die eher Alltag ist, ist für uns ungewohnt und schwer auszuhalten. Kind nicht in der Wohngruppe, Handy ausgeschaltet. Bange Stunden später ist das Handy wieder an, Kind in der Klinik. Wir vereinbaren einen Besuch am nächsten Tag.
Auf dem Weg dorthin klingelt der Chefarzt durch. Er müsse mit uns reden, aber wenn wir eh kommen, dann reicht das auch vor Ort. So werden wir entsprechend abgefangen. Eine Stunde später sitzen wir bei unserer Tochter am Bett, mit mehr Fragezeichen, aber auch mit neuer Hoffnung. Endlich mal jemand, der nach organischen Ursachen fragt und die Suche danach anstößt. Das ist aber nicht in seiner Klinik machbar, sondern knapp 50km weiter in der Klinik, die er gut kennt. Das obligatorische Kartenspiel und ein Versprechen später folgen und wir fahren guter Dinge heim. Gehört werden, Hoffnung bekommen - wie schön ist das.
Mitten in der Nacht klingelt das Telefon wieder. Die Klinik ruft um Hilfe, das Kind verweigert die notwendige Insulintherapie. Die Straßen sind schön frei, aber auch ich habe keine Chance und habe ein déjà vu. Die vorzeitige Verlegung und der Krankentransport in die neue Klinik werden organisiert. Ein Tag früher als geplant und unter anderen Voraussetzungen.
Nachmittag in der neuen Klinik. Ich erzähle die Krankengeschichte ein erstes Mal, fülle die Papiere aus, verabschiede mich. Die Psychologin bittet mich, doch noch 2-3 Stunden in der Nähe zu bleiben, falls noch Fragen sind. Zeit für Soulfood...
Eine Stunde später ruft sie wieder an, Insulin wird nach wie vor verweigert, ich werde gebraucht. Lerne Oberärzte kennen, Namen schwirren durch den Kopf. Lerne eine neue Richterin kennen, veranlasse, was niemand für Menschen die er liebt veranlassen möchte. Werde als Sitzwache eingespannt. Was macht man nicht alles als Mutter. Weitere Ärzte, weitere Namen, weiteres Papier. Wieder die Krankengeschichte erzählen....
Zwei Nächte schlafe ich in der Klinik, bis sich die Lage soweit stabilisiert, dass eine Verlegung in die Kinder- und Jugendpsychatrie wieder möglich ist. Ein weiteres Aufnahmegespräch, der Horror pur. Verweigerungshaltung bei der Tochter, klare Statement "wir sind nicht die zuständige KJP, wenn das hier nicht klappt, wird sie verlegt" von der anderen Seite, der Wunsch nach der körperlichen Abklärung die in dem Haus relativ unkompliziert machbar ist bei mir. Tränen fliessen, nicht nur im Gespräch, sondern auch, als ich gehe, ohne mich verabschieden zu können, gehe. Sie möchte keinen Abschiedsgruss. "Fahren sie jetzt noch heim?" fragt mich der Betreuer. Mein "ja, aber nicht gleich", beruhigt ihn ein wenig.


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