Die Aussicht ist traumhaft schön. "Dort hinten, das gelbe Rapsfeld," so erklärt mir mein Gegenüber, das ist bereits die andere Seite der Ruhr. "Und das sind die Ausläufer von dem..." ok, ich habe den Namen des Gebirges vergessen. Das viele Grün beruhigt meine aufgewühlten Nerven. Ursprünglich wollte ich schon längst wieder auf dem Heimweg sein. Statt dessen bin ich in der Klinik, wenige Kilometer weg von der Wohngruppe, vielzuweitweg von meinem Wohnort. Mein Gegenüber ist Seelsorger. Erst habe ich ihn für einen evangelischen gehalten - er möge es mir verzeihen, denn er ist von der ansässigen römisch katholischen Gemeinde und ehrlich betroffen von den Entscheidungen, die ich heute treffen musste.
Die erste war die, mit auf die Intensivstation zu gehen. Die geschlossene Abteilung in der Psychatrie war mein Ziel - mal wieder, das erste Mal in der neuen Klinik, nicht das erste Mal für meine Tochter. Selbstverletzendes Verhalten, sagt sie. Selbstmordversuch sagen wir anderen. Nicht der einzige, denn dank der Klinik kommt raus, dass sie ihre Diabetes gegen sich verwendet hat. Handel tut not. Mit auf die Intensivstation kommt sie freiwillig. Die lebensnotwendige Behandlung müssen wir erzwingen, denn die verweigert sie. Das unter Corona es möglich ist, dass ich in die Klinik rein komme und sogar mit aufgenommen werde, macht mich dankbar. Dass ein Pfarrer, der mich nicht kennt, direkt auf meinen Hilferuf kommen kann, auch. Das Gespräch über meine Situation tut gut und ich bin froh, dass ich in Extremsituationen mir zu helfen weiß und der Situation nicht mehr ganz so hilflos ausgeliefert bin. Dennoch laufen viele Tränen.
Später am Abend werde ich die Richterin und einen Anwalt kennen lernen, die die getroffene Entscheidung beschließen werden. Verständnisvoll, sympathisch. Und doch ist es hart. Aber, ... die Geräusche der Intensivstation triggern nicht mehr. Meine Tochter so zu sehen auch nicht. Viel härter war es, sie nicht weit weg vom Koma zu sehen und zu hören, dass sie sterben will. Niemals sollten Eltern mit ihren Kindern darüber reden, wie sie beerdigt werden wollen. Und doch habe ich es getan. "Falls du dann doch mal Erfolg hast"....
Es tut auch gut, dass ich nicht alleine bin und somit einige der Mitarbeiter der psychatrischen Station kennen lernen darf. Die Nacht ist mega-anstrengend, die Stunden des nächsten Tages nicht weniger. Den ambulanten Therapeuten lerne ich so auch kennen. Wir sind uns einig, dass es ein "teuer erkauftes" Kennenlernen ist und hätten es beide lieber bei einem geplanten Elterngespräch gehabt. Aber gut, es ist, wie es ist. Die Diabetes-Assistentin macht mich wütend. Sie erklärt mir, dass ich Verantwortung für das Diabetesmangement übernehmen soll, "es ist sonst kein anderer da", denn sie hat ab dem Folgetag Urlaub. Äh, nein. Rückendeckung von den Mitarbeitern der Psychatrie, Irritation bei ihr und dem Arzt. Ich bleibe standhaft und fahre auch tatsächlich am Abend schweren Herzens wieder nach Hause. Selbstschutz, Wunsch nach einer Dusche, Zeit zum Lernen, Hund kuscheln, Familie knuddeln ... achtsam, vorsichtig, der Müdigkeit bewusst. Dazwischen noch viele Telefonate und dann aber auch diese Dankbarkeit für mein bisheriges Leben, die mich diese erlebte Parallelwelt aushalten lässt.
Morgen ist ein neuer Tag und morgen fahren wir nochmal in die Klinik. Die Telefonate heute zeigen, dass sich Körper und Seele ganz, ganz langsam erholen. Wird ein weiter Weg ....

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